Bericht aus den Lüdenscheider Nachrichten vom 10. November 1990

Dreiräder, Leukoplastbomber und ein unschönes Ende in Bremen

In diesen Tagen wäre Carl F.W. Borgward einhundert Jahre alt geworden

von Jan Eggermann

Wer erinnert sich nicht an die Zeit des Wirtschaftswunders, als die Kohlen per Goli-Dreirad ausgeliefert wurden, der Volkswagen des kleinen Mannes Lloyd hieß oder aber Namen wie Isabella oder Arabella in der damals noch kleinen Gemeinde der Autofahrer für Aufsehen sorgten.

So verschieden sie auch waren, alle diese Fahrzeuge entstammten der Ideenwelt des Bremer Carl F.W.Borgward, der in diesen Tagen einhundert Jahre alt geworden wäre.

In den zwanziger Jahren begann der Aufstieg des gelernten Maschinenbauers zum Chef eines 20000 Mann Unternehmens. In einer kleinen Bremer Werkstatt fertigte er mit einer Handvoll Mitarbeitern den "Blitzkarren", einen äuerst spartanischen, aber für seine Zeit durchaus zweckmäßigen Dreirad-Transporter. Mit ihm war ein bescheidener Gewinn zu erreichen, den Borgward einige Zeit später dazu verwendete die Aktienmehrheit der ebenfalls in Bremen ansässigen Hansa-Lloyd-Werke zu übernehmen. Nun stand seinem Jugendtraum, einmal Autos zu bauen, nichts mehr im Wege.

Schon zu Beginn der dreißiger Jahre brachte Borgward die Kleinwagen Hansa 400 und 500 auf den Markt und traf so genau die Käuferwünsche jener Zeit. Auch die Produktion größerer Fahrzeuge wurde in Gang gesetzt, doch warf der zweite Weltkrieg seine Schatten schon deutlich voraus. Borgward mußte sich und seine Werke in den Dienst der Rüstung stellen. Nach 1945 lagen die Fabrikationshallen in Trümmern, nur langsam konnte der Wiederaufbau beginnen.

Um so größer die Überrschung, als schon zu Beginn des Jahres 1949 die erste Neuschöpfung Borgwards vom Band rollte: Der Hansa 1500, den als erstes deutsches Auto die nach amerikanischem Vorbild gestaltete Pontonkarosserie zierte. Nach gleichem Muster, nur eine Nummer bescheidener folgte kurze Zeit der aus mit Kunstleder überzogenem Sperrholz bestehende "Leukoplastbomber" Lloyd LP 300. Auch das in seinen Grundzügen schon fast dreißig Jahre alte Dreirad wurde unter dem klangvollen Namen "Goliath" wiederbelebt. In einem zerstörten Deutschland eine willkommene Alternative zum Pferdefuhrwerk.

Carl F.W. Borgward war mit seinen nun drei eigenständigen Werken Borgward, Goliath und Lloyd zu einem der größten deutschen Automobilhersteller geworden.

Zielstrebig erweiterte Borgward in der Folgezeit die Produktions-palette, verbesserte die schon eingeführten Modelle. Das Jahr 1954 brachte dem Konstrukteur seinen unbestritten gröten Erfolg: Die Isabella. Als Wagen der gehobenen Mittelklasse festigte sie die Position, die mit dem Hansa 1500 eingenommen worden war. In fast allen Ländern der Welt fand Isabella neue Besitzer.1959 konnte Borgward noch einmal für zwei Überraschungen sorgen: Im August wurde ein kleiner, äußerst schnittiger und temperamentvollerViersitzer, die Arabella, vorgestellt. Im September folgte der repräsentative "Grosse Borgward", der als erster deutscher Pkw mit einer Luftfederung in die Automobilgeschichte einging.

Kaum jemand ahnte damals, daß die an dritter Stelle der Zulassungsstatitik stehenden Borgward-Werke kaum zwei Jahre später nicht mehr existieren würden.

Das Jahr 1960 brachte den Bremern eine erste Absatzkrise: Der Export nach Übersee, der in dem stark exportorientierten Unternehmen eine wichtige Einnahmequelle bildete, stagnierte. Unzählige von Fahrzeugen standen auf den Halden und warteten auf Abnehmer, doch die kamen nicht. Ende 1960 war die ohnehin dünne Kapitaldecke verbraucht, Borgward mute als Alleineigentümer einen 30 Millionen Kredit beim Land Bremen erbitten. Der wurde zwar gewährt, aber nicht vollständig ausbezahlt. Stattdessen trat man von seiten des Senats an die Presse. Der durch Hunderttausende von leistungsfähigen Fahrzeugen erworbene Ruf der Borgward-Werke war vom einen auf den anderen Tag dahin. Am 31. Januar 1961 erfuhr Borgward aus der Tagesschau, daß seine Werke zahlungsunfähig seien. Noch Anfang Februar mußte Borgward sein Lebenswerk entschäigungslos an die Bremer Landesregierung abtreten. Eine Aktiengesellschaft wurde gegründet, doch diesem von Anfang an halbherzigen Versuch, die Borgward-Werke zu retten, war kein Erfolg beschieden. Im Sommer des gleichen Jahres wurde die letzte Isabella gefertigt, das Konkursverfahren eröffnet.

Erst Jahre später wurde bekannt, daß Borgward überhaupt nicht pleite war. Jeder der vielen Gläubiger erhielt sein Geld bis auf den letzten Pfennig zurück.

Carl F.W. Borgward konnte den Verlust und Niedergang seiner Werke nicht verkraften, er starb am 28. Juli 1963. Heute sind Carl F.W. Borgward und seine Autos zur Legende geworden. Eine Legende die nicht untergehen wird, denn mittlerweile gibt es weltweit wieder Tausende von Borgward-Freunden, die sich dem Erhalt der Fahrzeuge und somit dem Andenken an einen Pionier des deutschen Automobilbaus verschrieben haben.

Eine Nachveröffentlichung ist nur mit Genehmigung des Autors gestattet.


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